Lebensmittel

Wenn über Werbung und Ernährung diskutiert wird, geht es regelmäßig um die Frage eines Kausalzusammenhangs zwischen Werbung und Übergewicht - vor allem bei Kindern. Besonders auf internationaler und europäischer Ebene wird die Debatte energisch vorangetrieben. Das vorrangige Ziel: Keine Werbung für „ungesunde Lebensmittel“. Dies wäre ein Schritt in die falsche Richtung. Erforderlich sind mehr Bewegung und mehr Ernährungsbildung, statt mehr Werbeverbote. Bereits heute gibt es keine Werbemaßnahme der Lebensmittelhersteller, für die nicht detaillierte gesetzliche Vorgaben gelten. Hinzu kommen Selbstverpflichtungen der Wirtschaft.

 

Die Debatte um Lebensmittelwerbung und ihren vermeintlich schädigenden Einfluss auf das Ernährungsverhalten der Bevölkerung wird nach wie vor sehr intensiv und häufig sehr emotional geführt. Im Frühjahr 2016 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen die nächste UN-Dekade von 2016 bis 2025 zum Thema „Ernährung“ ausgerufen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert von den 194 Mitgliedstaaten neben einer Reformulierung von Lebensmitteln (Änderung von Rezepturen) und Strafsteuern für kalorienreiche Produkte auch generelle Werbeverbote gegenüber Kindern für Produkte mit einem aus Sicht der Befürworter weiterer Restriktionen zu hohem Anteil an Fett, Zucker oder Salz. In ihrem im Januar 2016 veröffentlichten ‚Bericht zur Beendigung von Übergewicht bei Kindern‘ definiert sie Kinder als alle Personen unter 18 Jahren und fordert: Jeder Versuch, Übergewicht bei Kindern zu bekämpfen, sollte eine Beschränkung der Art und des Ausmaßes von Werbung für ungesunde Lebensmittel umfassen.

Die Forderung der WHO wird auch in Deutschland aufgegriffen. Unberücksichtigt bleibt dabei meist, dass die Werbung für Lebensmittel in Deutschland bereits sehr stark reglementiert ist, insbesondere gegenüber Kindern und Jugendlichen. Zahlreiche Vorgaben des Wettbewerbs- und Medienrechts sowie das System der Werbeselbstkontrolle des Deutschen Werberats berücksichtigen die besondere Schutzbedürftigkeit von Kindern. So ist zum Beispiel der an Kinder gerichtete direkte Kaufappell und jede Form der Ausnutzung ihrer Unerfahrenheit und Leichtgläubigkeit unzulässig. Verboten ist auch, Kinder in der Werbung zu motivieren, ihre Eltern zum Kauf zu überreden. Kindersendungen in Radio und Fernsehen dürfen nicht durch Werbung unterbrochen werden. Zusätzlich gelten die freiwilligen Werbeselbstbeschränkungen: Nach den Werberatsregeln ist zum Beispiel auch jede Aufforderung an Kinder zum Konsum untersagt („Probier doch mal!“).

 

Ungesunde Lebensmittel gibt es nicht

In der emotionalen Debatte über Werbung und Kinder unterschlagen Kritiker zudem oft einen zentralen Punkt: Für das Konsumverhalten von Kindern (und Jugendlichen) spielt Werbung eine untergeordnete Rolle. Werbung macht nicht dick. Die Ursachen für Übergewicht liegen woanders, vor allem in mangelnder Bewegung und im Lebensstil der Familie, der die Sozialisation von Kindern entscheidend prägt. Gerade bei Lebensmitteln bestimmen in den meisten Fällen die Eltern, was ihre Kinder essen und trinken. Jedes Lebensmittel hat im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung seinen Platz; es gibt keine ungesunden Lebensmittel (s. ausführlich hierzu das ZAW-Positionspapier Werbung und Ernährung).

 

Förderung eines gesunden Lebensstils muss im Fokus stehen

Statt weitere Werbeverbote zu fordern, muss an den tatsächlichen Ursachen angesetzt werden. Der im August 2015 vorgestellte „Dritte Kinder- und Jugendsportbericht“. kommt dabei im Bereich der Bewegung zu alarmierenden Ergebnissen: Denn obwohl sich im Kinder- und Jugendsport immer vielfältigere Angebote und Sportszenen entwickeln, bewegen sich junge Leute heute weniger als je zuvor. Während Kinder heute sechs oder sieben Stunden am Tag nur sitzen, bewegen sie sich weniger als 30 Minuten, so die Autoren des Berichts. Auch die Zeit, in der sich Kinder draußen bewegen und etwa mit Freunden auf der Straße Fußball spielen, hat abgenommen.

Neben der Förderung der Bewegung ist die Ernährungsbildung und die Entwicklung eines insgesamt gesunden Lebensstils zentral bei der Bekämpfung von Übergewicht – bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Deren Bedeutung hat der Deutsche Bundestag zuletzt im Juni 2015 in seinem Beschluss "Gesunde Ernährung stärken – Lebensmittel wertschätzen“ hervorgehoben. Breite Unterstützung findet dieser Ansatz auch in der Bevölkerung: Die Ergebnisse des vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft vorgestellten Ernährungsreports 2016 zeigen, dass 92 Prozent der Deutschen eine kindgerechte Aufklärung und verpflichtende Ernährungsbildung in Kita und Schule für besonders geeignet halten, um einer gesünderen Ernährung den Weg zu ebnen.

 

Der Blick nach Europa

Bei der anstehenden Überarbeitung der EU-Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste (AVMD-Richtlinie) ist die Bundesregierung aufgefordert, sich auch auf europäischer Ebene gegen weitere Werbebeschränkungen einzusetzen. Die Basis dafür wurde in einem Positionspapier der Bund-Länder-Kommission zur Medienkonvergenz geschaffen: Danach sollen in die novellierte Richtlinie  „keine weiteren Werbeverbote oder -beschränkungen aufgenommen werden“. Verboten zum Beispiel der Lebensmittelwerbung oder der Werbung gegenüber Kindern wird also von deutscher Seite eine klare Absage erteilt. Die Bund-Länder-Kommission spricht sich zudem für eine „Beibehaltung der ko- bzw. selbstregulatorischen Ansätze in der AVMD-Richtlinie“ aus.

Stand: April 2016